Medina und Moderne
Klassische Sehenswürdigkeiten gibt es in Tanger kaum. Stattdessen verfügt die Stadt über ein einzig-
artiges Flair. Jeder hier kennt einen Dichter, eine Prinzessin, einen Popstar. Ob die Erzählungen glaubhaft sind?

So viel steht fest: Jahrzehntelang zog Tanger Promi-
nente, Spione und Hochstapler an wie ein Magnet. Mit Vorführungen, Workshops und Festivals entwickelte sich die Cinémateque de Tanger binnen zweier Jahre zur vielleicht wichtigsten Kulturinstitution der Stadt. Die jungen Leute hier sind hungrig nach Kultur, das Publi-
kum ist unvoreingenommen und aufnahmebereit.

Honiggelb leuchtet das Schild des Cinema Rif in der blauen Stunde. Tische und Stühle stehen auf dem Grand Socco, einem der zentralen Plätze Tangers.
Die Cafés und Teehäuser sind voll. Hohe Palmen spiegeln sich im Becken des Springbrunnens. Der Grand Socco ist die Schnittstelle zwischen Neu und Alt, zwischen der Welt der Fußgänger im Wirrwarr des Bazars und dem Hupen der Taxis, Scooter und Mini-
busse auf den Boulevards. Im Café der Cinémateque trifft man die Künstler und Intellektuellen mit
ihren Laptops.

Tanger boomt. Während der frühere König den auf-
sässigen Norden vernachlässigte, schenkt der seit 1999 regierende Mohammed VI. der Region besondere Aufmerksamkeit. „M 6“ wie der König salopp genannt wird, hat große Pläne für seinen „Diamant des Nor-
dens“. Jeden Monat erobert die Stadt etwas mehr Um-
land. Einer der größten Containerhälften des Mittel-
meers, Fabriken, Luxusappartements, Paläste und Ferienanlagen entstehen. Die Entwicklung ist rasant.

Eines der jüngsten Bauwerke ist die neue Küstenstra-
ße. Die spektakulär gelegene Promenade führt vom Fährhafen zum Villenviertel Vieille Montangene. Noch herrscht wenig Verkehr, dafür spazieren viele auf dem breiten Fußweg am Wasser. Kinder probieren neue Fahrräder, es wird geangelt, gedöst, gekichert.

Europa ist vom Vieille Montagne aus betrachtet ein Streifen am Horizont. Allerlei Schiffe kriechen über
die Meerenge von Gibraltar. Auf einem vorgelagerten Felsen am Steilufer klebt einsam eine Villa. Unten steht ein Büffel im hohen Gras. Ziegen meckern, die trockenen Blätter der Eukalyptusbäume rasseln im Wind, Oleanderbüsche plustern sich auf. Zum Kap Spartel, wo Atlantik und Mittelmeer aufeinander-
treffen, geht es nur ein paar Kilometer an der Steil-
küste entlang.

Bei Tanger treffen zwei Kontinente aufeinander, zwei Meere und mehrere Welten. Tanger ist ein Sprungbrett für tausende afrikanische Flüchtlinge, aber Tanger ist

auch ein Ort des Vergnügens: Immer bedeutender wird der Tourismus.

Wer der Küste 30 Kilometer nach Süden folgt, gelangt in eine Stadt, so blendend wie ein frisch gewaschenes Hemd mit blauen Streifen. Asilah, einst Piratennest, ist umgeben von Festungsmauern und seit den 50er-Jahren beliebte Sommerfrische: Die Farben der Altstadt sind so stark, dass einem fast schwindelt. Blau, grün, gelb und weiß leuchten die Gebäude. Man steigt hinauf und hinunter, tritt durch dunkle Gänge, späht in türkis schimmernde Höfe.

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