Wo tausend Wasserfälle gurgeln
Norwegen wurde zu einem Traumziel für Fahrer, die es kurvig mögen. Wer ein Gefühl für die alten Zeiten bekommen mag, sollte bei Grotli, nördlich des Jostedalsgletschers, unbedingt auf den „Gamle Strynefjellsveg“ abbiegen, die alte Gebirgsstraße. Schmal ist sie, gekiest und von Hunderten von großen Randsteinen, den „stabbesteiner“, begrenzt. Eine Tour durch das Fjordland beginnt idealerweise in der Stadt Bergen, eines der wichtigsten kulturellen Zentren Norwegens.

Norwegen ist ein hochtechnisiertes Land. Der Wohl-
stand aus den spät entdeckten Erdölvorkommen wird in die Zukunft investiert, das soziale Netz ist eng gestrickt. Und manches ist ein bisschen anders,
als in den urbanen Zentren Mitteleuropas. Selbst Discjockeys gehen hier zum Bergsteigen, und so mancher Multimillionär trägt beim Lachsfischen Jogginghosen. Der König speist in normalen Restaurants, und wer nach dem Abitur noch nicht
so richtig weiß wohin, kann sich vom Staat ein Orientierungsjahr finanzieren lassen.
Aber Norwegen hat noch ganz andere Überrasch-
ungen parat. „Probieren Sie mal“, sagt Ola Steinstø und deutet auf einen Korb voller Himbeeren. Sie sind groß wie Wachteleier, und schmecken so fruchtig, dass man sofort wieder hinlangen muss.
„Ja, auf unsere Himbeeren sind wir stolz“, grinst der Landwirt, „die Menschen erwarten so etwas nicht hier oben.“ Immerhin gehören die Obst-Anbaugebiete rund um den Hardangerfjord zu den nördlichsten der Welt. Der warme Golfstrom vor der Küste sorgt für das nötige Klima.

Hunderte, ja Tausende von Wasserfällen flankieren
die Straßen des Fjordlands. Das Wort „Fjord“
bedeutet Fahrwasser und erinnert daran, dass die überschwemmten Gletscherschluchten früher die Hauptverkehrsadern des Landes waren. Im „Fartøyvernsenter“ in Norheimsund wird eine Tradition gepflegt, die bis zu den Wikingern zurückreicht. Auf der Werft am Hardangerfjord werden historische Schiffe aufgemöbelt. Wer größere Boote bevorzugt, sollte sein Auto spätestens in Gudvangen auf das
Fährschiff verfrachten.

Die Fahrt durch den Nærøy- und Aurlandsfjord hinüber nach Kaupanger spart nicht nur Zeit, sie gehört auch zu den absoluten Klassikern einer Fjordland-Entdeckung.

Aus den Tälern schrauben sich schmale Straßen hinauf ins Fjell, jene kargen Hochebenen, die mit weißen Flecken übersät sind. Hier liegt auch im Sommer Schnee, und Tauwasser funkelt dunkel zwischen Eisschollen, Felsen und Flechten. Ganz hoch hinauf geht es bei Lom. Über staubige Pisten rollt der Wagen bis zur Schranke des Jotunheimen-National-
parks. Mit Mountainbikes geht es weiter, sie stehen jedem zur freien Verfügung.

Viele Tunnels, Serpentinen und Aussichtspunkte später wartet die zweite größere Stadt dieser Reise. Ålesund ist auf allen Seiten von Wasser umgeben, gleich mehrere Fjorde münden hier ins Meer. Sackgasse, sozusagen, und logischer Endpunkt
einer Tour durchs Fjordland.

Krimiautor Gunnar Staalesen nennt die Stadt mit ihren Jugendstilbauten ein „Schmuckstück für Architekturstudierende“.

PDF "Tausend Wasserfälle"